Am 24. Februar 2022, dem Tag, an dem Russland seine großangelegte Invasion der Ukraine begann, befand sich Ganna Ki im Nationalmuseum für Anthropologie in Mexiko-Stadt. Während sie mit ihrer Mutter sprach, die ihr von der Invasion berichtete, stand die Künstlerin vor der Figur der gefiederten Schlange Quetzalcoatl, die der Legende nach Leben zugleich erschafft und zerstört. Als sie nach Berlin zurückkehrte, wurden auf der Straße gefundene Leinwände, schwarze und weiße Farbe zum Ausgangspunkt für „Ocean of Unknown“. Die Serie markierte einen Übergang hin zur Zerstörung als künstlerischer Methode, durch die die Werke entstanden. Die Gemälde entwickelten sich durch Bewegung und dem erweiterten Bewusstsein. Tiere, Landschaften, Erinnerungen und Traumbilder tauchten nach und nach auf. „Ocean of Unknown“ wurde zu einem Zugang zum individuellen und kollektiven Unbewussten.
Im Jahr 2025 machte ein Brand das Gebäude unbewohnbar, in dem Ganna Ki wohnte. Die Künstlerin war gezwungen, ihre Wohnung für etwa ein Jahr zu verlassen, was zum Ausgangspunkt für eine mehr als dreimonatige künstlerische Forschungsreise durch Lateinamerika wurde. In Bogotá, Kolumbien, beschäftigte sich Ganna Ki mit den Praktiken von Wandmalerinnen, die sich mit generationsübergreifender Erinnerung, sozialer Gerechtigkeit und dem Wiederaufbau lokaler Gemeinschaften auseinandersetzen. In den Nebelwäldern von Mindo, Ecuador, setzte sich die Recherche im Hayulima Spiritual Sanctuary durch Begegnungen mit Pflanzenmedizin und lokalen Formen der überlieferten Heilkunst fort. Im peruanischen Amazonasgebiet arbeitete die Künstlerin mit Ton, natürlichen Pigmenten und Webtechniken und tauschte sich dabei mit Trägern der Kichwa- und Shipibo-Konibo- Traditionen aus. Im Mittelpunkt stand ein Aufenthalt am Sachaqa Centro de Arte in San Roque de Cumbaza in Peru, der in der Einzelausstellung „Totem Tales“, einem öffentlichen Vortrag und einem Gemeinschaftsworkshop gipfelte.
„Totem Tales“ wurde zu einer Verschmelzung lebendiger Kosmologien der Anden und des Amazonasgebiets, pflanzlicher psychedelischer Medizin und direkter Arbeit mit der Erde. Die Grundlage bildet die Chakana: Sie verbindet die Unterwelt der Schlange, die Mittelwelt des Pumas und die Oberwelt des Kondors miteinander. Zwischen ihnen erscheint die Spinne als eine Figur, die die Fäden der Zeit verknüpft.
Die großen Leinwände und sieben kleinen Zeichnungen entstanden in San Roque de Cumbaza. Ganna Ki stellte die Pigmente für die Zeichnungen aus Ayahuasca her. Endpunkt der Reise war erneut Mexiko-Stadt. Bei ihrer Rückkehr ins Nationale Museum für Anthropologie begegnete Ganna Ki zum ersten Mal der monumentalen Figur der Coatlicue – der Frau mit dem Schlangenrock. Im Jahr 2022 hatte die Künstlerin den Schlangenvater kennengelernt, die Mutter jedoch noch nicht gesehen.
Im Jahr 2026 kehrte Ganna Ki nach Mexiko zurück, um sich intensiv mit Coatlicue zu beschäftigen. Die Feldforschung in Oaxaca und Santa María Atzompa umfasste Recherchen im Centro Cultural San Pablo und im Instituto de Artes Gráficas de Oaxaca sowie die Teilnahme an lokalen Diskussionen über Indigene Heiltraditionen, Ökologie und Frauenkollektive. In Zusammenarbeit mit der Keramikkünstlerfamilie Ruiz in Santa María Atzompa schuf Ganna Ki grüne Keramikskulpturen, die Coatlicue gewidmet waren. Sie setzte ihre Forschung mittels unglasierter Terrakotta, Zeichnung, Malerei und Performance fort. Körper wurden zu Gefäßen und Schlangen. Öffnungen, Hohlräume und Innenräume wurden zu Übergängen zwischen unterschiedlichen Seinformen.
In Oaxaca schuf Ganna Ki sieben Zeichnungen mit Menstruationsblut. Sie treten in einen Dialog mit sieben Zeichnungen, die mit Ayahuasca im peruanischen Amazonasgebiet entstanden waren, noch bevor die Künstlerin Coatlicue begegnete. Diese Materialien stammen aus zwei lebendigen Körpern: dem Körper der Erde – Ayahuasca – und dem weiblichen Körper – Menstruationsblut. Auf Papier nehmen sie dieselbe Farbe an.
„Totem Tales“ und „Dark Mother: Coatlicue Research“ werden zu zwei Phasen einer einzigen Untersuchung, in der sich die dunkle Mutter als lebender Kosmos manifestiert.
Ganna Ki (*1986) ist eine multidisziplinäre Künstlerin aus der Ostukraine, die das Unbewusste als Träger kollektiver Erinnerung erforscht. Ihre Praxis erstreckt sich von Malerei und Skulptur bis hin zu ritualisierten und performativen Ausdrucksformen, in denen sie sich auf antike Mythologien stützt, um ihre künstlerischen Erkenntnisse in kohärente, nachvollziehbare Archetypen zu übersetzen. Ihr Werk beleuchtet kritische Schnittstellen zwischen ökologischen Rahmenkonzepten, Schattenforschung und ritueller Anthropologie und verbindet dabei ihre Medien- und Kulturforschung mit verkörperter künstlerischer Praxis. Sie studierte Linguistik an der Nationalen Universität Saporischschja in der Ukraine sowie Medien- und Kulturwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Ganna Ki lebt und arbeitet in Berlin, Deutschland.
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